Anwendung des Monats - KWord!
Interview mit dem Betreuer von KWord, David Faure:
Wann hast Du Deine Arbeit an KWord begonnen und wer ist sonst noch an dem Projekt beteiligt?
Ich begann meine Arbeit an KWord im Februar 2001, also vor eineinhalb Jahren. Die anderen KWord-Entwickler sind:
- Thomas Zander: ein Langzeit-KWord-Entwickler. Er ist schon viel länger am Projekt beteiligt als ich - aber er hat kaum freie Zeit, um daran zu arbeiten. Im Gegensatz zu mir weiß er viel über Textverarbeitung und DTP, so sind seine Beiträge immer sehr hilfreich. Er betreut hauptsächlich die Tabellenfunktion von KWord, woran ich nie arbeiten wollte. ;-)
- Laurent Montel: mein Kollege bei Mandrakesoft. Er arbeitet fast am gesamten KOffice, was natürlich KWord mit einschließt. :-) Es ist ziemlich beeindruckend, wieviel er jeden Tag erledigen kann! Wir besprechen viele technische Probleme und Lösungen, bevor er beginnt, eine neue Funktion einzuführen, was sicherstellt, dass das Gesamtdesign von KWord einwandfrei bleibt.
- Frank Dekervel, der bei bei den Frames half, beim Clipping und der Zeichnen-Funktion. Er ist der Verrückte, der möchte, dass KWord ganze Webseiten importieren kann, ganz egal wieviele verschachtelte Tabellen sie enthalten. ;-)
- Krister Wicksell Eriksson hat sehr wertvolle Ergänzungen beigetragen aber leider sieht es so aus, als ob er aufgehört hat.
- Dag Andersen, Nash Hoogwater and Sven Lueppken für gelegentliche neue Funktionen und auch Fixes.
- Dann gibt es da noch Ulrich Küttler für die eingebetteten Formeln, ein Dutzend Entwickler für Import/Export Filter und die Entwickler der KOffice libs...
Vielen Dank an alle für eure Arbeit und euren Einsatz.
Wo konntest Du die nötigen Kenntnisse für ein solches Projekt erlangen?
Es fing alles damit an, dass ich bei der Rückwärtsportierung von Reggies QRichText
von Qt3 nach Qt2 mithalf, um KWord darauf aufsetzen zu können. Dann musste ich
verstehen, wie QRichText tatsächlich funktionierte. Es ist ein ziemlich vielschichtiges System,
mit vielen Klassen aber auch ziemlich gut entworfen. Allerdings überhaupt nicht dokumentiert. ;-)
Dann habe ich KWord Schritt für Schritt neu drumherum gebaut. Die Kenntnisse, die ich dabei
einsetzte, waren mein gutes Wissen über Qt und KDE-Klassen. Aber mir fehlt Wissen über
Textverarbeitungsinterna, Fonts, etc. Deshalb habe ich mir oft Ratschläge von Leuten eingeholt,
die sich damit auskennen. :-) (dazu gehört auch Keith Packard, XFree86- und Xft-Entwickler, mit
dem ich die Font Formatänderung und WYSIWYG besprach).
Wenn jemand sich mit einer Sache nicht auskennt, braucht er nur Zeit. Zeit, sich in etwas einzuarbeiten,
um das nötige Wissen zu erlangen, Schritt für Schritt.
Ich wusste nichts über Painting, Clipping, Transparenz, Geschwindigkeitsoptimierung, etc.,
bevor ich mit KWord begann. Ich habe mir all das selbst beigebracht. :-)
Was denkst Du über OpenSource und was waren die Gründe für Dich KWord zu entwickeln (hast Du Deine Arbeit ohne finanzielle Unterstützung begonnen)?
Als Reggie aufhörte an KWord zu arbeiten, suchte er nach Entwicklern aber niemand nahm sich dem Projekt an. An der Situation änderte sich etwa sechs Monate lang nichts. Während dieser Zeit wurde KWord nicht weiter entwickelt und es war in einem ziemlich schlechten Zustand (jeder erinnert sich noch daran, dass das Auswählen von Text sehr unstabil war...). Viele Benutzer erinnerten uns an KWord, es hatte eine ganze Menge nicht behobener Fehler... und ich wuchs gerade so langsam aus der Arbeit als "Konqueror Betreuer" heraus und suchte nach etwas Neuem, einem Wechsel. Was mich dazu brachte, mich für KWord zu entscheiden, war die riesige Nachfrage der Benutzer, was zu der offensichtlichen Herausforderung ein vollwertiges Textverarbeitungsprogarmm zu schreiben noch hinzu kam.
Die Tatsache, dass Mandrakesoft meine KDE/KOffice Arbeit "sponsort", hat nichts mit meiner Entscheidung, an KWord zu arbeiten zu tun. Ich kann so gut wie an allem arbeiten, was ich will, so konnte ich auch weiter am Konqueror arbeiten, wann ich wollte. Die Möglichkeit zu haben, zwischen der Arbeit an Konqueror/KJS/KHTML/KIO und KWord hin und her zu wechseln ist glaube ich sehr gut für meine geistige Gesundheit. ;-)
Welche Pläne hast Du für KWord? Was können wir an neuen Funktionen oder Verbesserungen erwarten?
Momentan arbeite ich ich mit Werner Trobin an einem neuen MSWord Importfilter. Er macht die ganze schwierige Arbeit bezüglich des MSWord Dateiformats und entwickelt eine eigenständige Bibliothek (wv2 genannt, deren Ziel es ist die alte libwv von www.wvware.com zu ersetzen).
Ich arbeite an der KOffice Seite, d. h. dem KWord-Filter, der die neue Bibliothek benutzt. Wie wir durch Benutzerrückmeldungen wissen, ist ihnen das sehr wichtig, deshalb arbeiten wir jetzt daran. Und ja, die Exportfunktion kommt voraussichtlich nachdem die Import Funktion fertig ist aber wir müssen erst den Import fertig bekommen, es ist dadurch sehr viel einfacher für uns das Dateiformat zu verstehen. Das Hauptproblem hierbei ist, dass Werner wieder studieren muss. :-)
Zum anderen großen Vorhaben zählen Überlegungen Xft2 einzusetzen (entweder direkt oder
über Qt), um endlich vollständige Font Formatänderungen und WYSIWYG anbieten zu
können (ohne die Rundungsfehler, die man momentan noch in KWord sehen kann). Möglicherweise
können wir dadurch, dass wir es direkt einsetzen die ganzen fontspezifischen
Textverarbeitungsfunktionen anbieten, wie z. B. das Erzeugen von Proportionalschriften und
selbstdefinierbare Zeichenabstände.
Aber mir wurde gesagt, dass Xft2 sehr langsam läuft bei Leuten ohne RENDER Erweiterung (gut,
bis sie das Anti-Aliasing deaktivieren).
Ich weiß wirklich zu wenig über die ganze Sache und ich wäre sehr froh, wenn jemand, der
sich auskennt auf die koffice-devel Mailingliste kommen könnte und bei diesen schwierigen
Entscheidungen helfen könnte.
Es gibt auch eine gewisse Nachfrage nach gedrehten Frames. Geplant ist diese Funktion zunächst
im KPresenter fertigzustellen und sie dann für KWord anzupassen, keine einfache Aufgabe, wenn
man bedenkt, dass für KWord momentan alle Frames rechteckig sind, an absoluten Dokumentkoordinaten.
Frank Dekervel hatte große Pläne, das neu zu gestalten und ich frage mich, ob er noch daran
denkt diese Änderungen durchzuführen. :-)
Die anderen Funktionen, die es in der neuen Version geben wird sind viele kleine Änderungen,
hauptsächlich von Laurent. Ich habe hauptsächlich an der Unterstützung von Endnoten
gearbeitet (in KWord-1.2 gibt es nur Fußnoten).
Wenn jemand eine Funktion vermisst - schreibt nicht an uns, sondern nutzt
http://bugs.kde.org.
Wie siehst Du KOffice im Vergleich zu anderer (kommerzieller oder freier) Office-Software?
Es interessiert mich auch immer sehr, was die Benutzer über dieses Thema denken. ;-)
Nach dem, was ich gehört habe, ziehen viele Leute KOffice anderen freien Office Paketen vor, weil es schneller und kleiner ist. Ich denke die enge Bindung von KOffice an KDE bietet ebenfalls viele Vorteile: dank kdeprint ist es sehr einfach, ein KOffice-Dokument auf einem entfernten CUPS Drucker auszudrucken, in ein PDF Dokument umzuwandeln oder sogar es als Fax zu verschicken. Andere Beispiele für diese enge Bindung an KDE sind das einbindbare Betrachtungsprogramm (um im Konqueror KOffice Dokumente lesen zu können) und die Vorschau-Module für Konquerors Icon View.
Einen anderen großen Vorteil von KOffice sehen manche Leute in der Unicode-Unterstützung und der Bidirektionalität, die, soweit ich informiert bin, in den meisten anderen Konkurrenzprodukten fehlt.
Und schließlich ist KWords Ziel, die Entwicklung zu einem DTP-Produkt, offensichtlich ziemlich einzigartig in der OpenSource Welt: viele Leute suchen nach einem guten OpenSource Ersatz für z. B. FrameMaker und auch wenn KWord dieses Ziel noch nicht erreicht hat, wird es hoffentlich eines Tages soweit sein.
Ich denke, es ist ziemlich offensichtlich, was die Vorteile gegenüber einem kommerziellen Office Paket sind: OpenSource Code, ein offenes Dateiformat, eine aktive und verantwortungsbewusste Gemeinschaft von Entwicklern und keine Kosten. Totale Offenheit, totale Freiheit - es gibt keinen Grund für mich jemals wieder ein kommerzielles Office Paket zu benutzen (außer um es zu testen und seine Funktionen zu kopieren :-) ).
Wie sieht Deiner Meinung nach die "Benutzeroberfläche der Zukunft" aus?
Wie ich schon in einem früheren Interview sagte: "Ich bin kein Visionär". :-) Was ich damit meine ist, dass ich keine revolutionären Ideen habe, die Benutzer wünschen sich ohnehin etwas Beständigkeit und es ist nutzlos, wenn man jedes Mal wieder alles von Anfang an lernen muss.
Natürlich wünsche ich mir alle Benutzeroberflächen und alle Computersysteme allgemein, benutzersicherer: keine Fehler, auch nicht, wenn der Benutzer das System nicht wie erwartet benutzt, keine Langsamkeit, keine nur schwer zu findenen Lösungen... auf den Punkt gebracht: keine Probleme. Wenn Du 3D-Benutzeroberflächen oder sonstige Spielereien fürs Auge als Antwort erwartet hast: Pech. :-) Ich denke Computersysteme sollten den Menschen helfen effizient zu sein, sie sollten Probleme lösen, statt neue zu verursachen. Die Leute benutzen Benutzeroberflächen nicht als cool aussehende Spielzeuge, sondern als Werkzeug, das ihnen dabei hilft, ihre Aufgaben besser zu erledigen.
Die Komplexität von Computersystemen macht es sehr schwierig, sie fehlerfrei zu bekommen, das ist das Problem. Ein Hammer ist ein sehr einfaches Werkzeug, er arbeitet immer wie erwartet. Man könnte einen Bericht über eine fehlende Funktion einreichen, der besagt, dass die Finger irgendwie besser geschützt werden sollten aber das war's dann. :-) Computersysteme, von der Hardware bis zu den Anwendungen der Endnutzer, sollten Werkzeuge sein, die immer so arbeiten, wie man es erwartet aber da ist noch ein großes Stück Arbeit zu erledigen.
Soweit ich weiß wirst Du von Mandrake bezahlt - verdienst Du Dir dort Deine Brötchen oder arbeitest Du noch irgendwo anders?
Momentan habe ich einen "Full-Time Job" bei Mandrake - gut, eher doppelt "Full-Time " ;-)
Welches Betriebssystem und welche Hardware benutzt Du zuhause / bei der Arbeit?
Ich setze auf allen meinen Computern Mandrake Linux ein. :-) Ich habe auch eine kleine Windows Installation auf dem ältesten Computer, den ich benutze, um den Internet Explorer (für KHTML) und MSWord (um Dokumente für den Import in KWord zu produzieren) zu testen.
Was die Hardware angeht... mal hoffen, dass die Nachbarn das hier nicht lesen :-) ... Ich haben einen AMD Athlon 1800+, ein Thinkpad T21 Laptop, gespendet von IBM aber ebenso einen Dual Pentium III 500 ohne Monitor als Teil des Teambuilder Netzwerks (z. B. um das Kompilieren von KOffice zu beschleunigen) und den Pentium 350 meiner Frau.
Bei mir gibt es übrigens keinen Unterschied zwischen "bei der Arbeit" und " zuhause". Ich arbeite zuhause, im Süden Frankreichs. :-)
Wie verbringst Du Deine Freizeit - falls Du überhaupt noch welche hast ;-) ?
Während der zwei Jahre, die ich in England verbracht habe, hätte ich vermutlich geantwortet: "ich verbringe meine gesamte Zeit mit KDE". Aber jetzt, da ich zurück in Frankreich bin, bin ich auch zurück in der Musik. Ich verbringe meine Freizeit damit, Jazz Piano zu spielen, mit zwei kleinen Gruppen aber auch in einer Big Band. Ziemlich aufregend :-)
David Faure ist per E-Mail unter der Adresse faure@kde.org zu erreichen. Das Interview zur Anwendung des Monats KWord führte Andreas C. Diekmann.
Eine Kurzbeschreibung zu KWord finden Sie an dieser Stelle.
[ Edit ]
KDE für deutschsprachige Benutzer