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Anwendung des Monats - Ark!

Klaus Stärk hat den Maintainer von Ark, Roberto Teixeira, interviewt:

 

Wie bist Du zum Ark-Projekt gekommen und was ist Deine Rolle innerhalb des Entwicklungsprozesses von Ark?

Es gab irgendwann einmal einen Zeitpunkt, als der ursprüngliche Betreuer von Ark einfach von der "Bildfläche verschwunden ist". Sein E-Mail-Konto hat keine E-Mails mehr akzeptiert und er ist auch nie wieder aufgetaucht. Zur selben Zeit habe ich nach einem Projekt Ausschau gehalten - und der Rest ist schon Geschichte.

Und was war der Anstoß für Dich, am KDE-Projekt mitzuwirken?

Ich muss zugeben, dass ich zu Zeiten von KDE 1.x kein wirklicher Fan von KDE war. Ich habe zwar einige Zeit damit gearbeitet, jedoch nicht wirklich lange. Zu dieser Zeit habe ich vielmehr den WindowMaker verwendet (allerdings auch mehr aus einer Art Patriotismus heraus: der Initiator des WindowMaker-Projekts kommt aus meiner Heimatstadt).

Ich bin in der frühen Beta-Phase von KDE 2.0 wieder zu KDE gekommen. Als ich die Version 1.92 ausprobierte, bemerkte ich, wie anders und vor allem wie besser KDE gegenüber früheren Versionen geworden ist - das hat mich neugierig gemacht. Ich habe mir den Quellcode aus dem CVS heruntergeladen und habe angefangen, damit herumzuspielen. Ich habe dann auch erfahren, dass KDE größtenteils neu geschrieben und die Grundstrukturen neu überarbeitet wurden. Das war der Zeitpunkt, als ich mich in das Projekt "verliebt" habe.

Es bedarf einer Menge an Mut und der Verpflichtung zur Qualität, um die Entscheidung zu treffen und umzusetzen, ein solch großes Projekt neu zu schreiben. Und es bedarf außerdem einer Menge Talent, um dies erfolgreich durchzuführen. KDE ist für mich bei weitem das beste Beispiel dafür, wie eine Gruppe Menschen ohne formale Leitung so etwas Großartiges auf die Beine stellen kann. KDE ist Anarchie in Vollendung :-)

Gibt es neben Ark noch weitere Bereiche im KDE-Projekt, an denen Du mitarbeitest?

Ich habe ein paar Features zu KMail und KNode hinzugefügt. Ich habe außerdem an verschiedenen Teilen von kio mitgearbeitet (Kompression und Archivierung) und habe verschiedene Arbeiten für das KOffice-Dateiformat beigesteuert. Letzteres endete jedoch im Papierkorb, weil jemand anderes schneller mit der Programmierarbeit war wie ich. Ich bin aber nicht sehr vernarrt, neue Features oder gar neue Anwendungen zu schreiben - da bevorzuge ich es, Fehler zu bereinigen.

Was ich auch schon gemacht habe ist, Fehlermeldungen von Arbeitskollegen direkt aufzugreifen und diese Fehler gleich zu bereinigen. Manchmal kommt es auch vor, dass jemand eine Wunschliste an Features hat, die ich durchaus interessant finde und diese Features dann in die eine oder andere Anwendung integriere. KMail beispielsweise hat ein paar Features von mir bekommen, weil ein paar meiner Arbeitskollegen danach gefragt haben - aber nichts desto trotz: das Bereinigen von Fehlern ist die Arbeit, die ich bevorzuge.

Es ist so, dass das KDE-Projekt über viele Entwickler verfügt, die neue Features und Anwendungen schreiben - es gibt aber nur wenige, die das "KDE-Haus sauber halten". Diese Arbeiten sind aber auch sehr wichtig und machen mir Spaß.

Gab es zum neuen KDE-Release 3.0 auch neue Features in Ark?

Nein, es gibt keine wirklich neuen Features. Ark wurde allerdings komplett neu geschrieben. Ark ist noch recht fehlerhaft, obwohl in den letzten Monaten schon eine große Anzahl an Fehlern bereinigt wurde. Das Problem mit Ark ist, dass es zu viele Betreuer mit unterschiedlichen Programmier-Stilen hatte, sodass es vor allem aus einem Haufen Programmier-Hacks besteht. Und im Zuge des Neu-Schreibens wird das Ganze weitaus sauberer.

Ich bin nun auch nicht mehr alleine mit der Ark-Entwicklungsarbeit, denn ich habe Unterstützung von einem weiteren Entwickler bekommen. Er arbeitet ebenfalls bei Conectiva und ich konnte ihm die "gute Seite der Macht" nahebringen und ihm die Entwicklung an Ark schmackhaft machen. Helio Castro kümmert sich nun um Dinge wie neue Ark-Features und er hat außerdem eine Menge Fehler behoben. Er ist wirklich ein sehr kompetenter Programmierer.

Und gibt es Pläne für neue Ark-Features für kommende Versionen?

Die Änderungen in Ark werden wohl erst für das Release 3.2 von KDE veröffentlicht werden. Bis dahin wird Ark jedoch eigenen Quellcode für die Kompressions- und Archivierungs-Routinen besitzen. Bisher wurden hier externe Werkzeuge verwendet - ziemlich häßlicher Code. Das beste Feature wird wohl sein, dass Ark in Zukunft noch besser zu benutzen sein wird.

Hier in Deutschland ist die Verbreitung von Linux/KDE-Systemen sehr erfolgreich. Zahlreiche Unternehmen und auch die Regierung sind sehr an Open Source-Lösungen für Ihre Server und Desktop-Systeme interessiert. Kannst Du uns hier ein bißchen von der Verbreitung von Open Source Software in Brasilien und Südamerika erzählen?

Richard Stallman meinte bereits, dass Brasilien ein gutes Beispiel für den Einsatz freier Software ist. Der Einsatz freier Software ist in Brasilien jedoch auf einige Regionen beschränkt, vor allem auf den Süden (die sogenannten "europäischen Staaten"). Dort wird Open Source Software sowohl von den Regierungen als auch von privaten Unternehmen eingesetzt. Im restlichen Land ist Open Source Software (OSS) nicht so sehr bekannt, jedoch verbreitet sie sich auch hier ganz beachtlich. Brasiliens Regierung rief im vergangenen Jahr das FUST-Projekt ins Leben mit dem Ziel, Open Source Software in den Schulen des Landes einzuführen. Leider reagiert unsere Regierung sehr empfindlich auf wirtschaftlichen Druck - und so kam Steve Ballmer persönlich nach Brasilien zu einem Treffen mit unserem Präsidenten "hinter verschlossenen Türen" - und urplötzlich wurde das FUST-Projekt so abgeändert, dass auf allen Rechnern in unseren Schulen Microsoft-Produkte installiert werden müssen. Das war eine ganz schöne Niederlage für OSS in unserem Land. Aber so laufen die Dinge eben bei uns ...

Auf der anderen Seite haben die Universitäten schon lange auf Linux und OSS umgestellt. Und das ist auch sehr gut so, denn es erlaubt den Studenten, die Systeme zu erforschen, zu denen sie in jeglicher Hinsicht Zugang haben. OSS ist sehr gut für "wirtschaftliche Schwellenländer" wie meines, wo es sonst sehr schwer für uns ist, an einer führenden Technologie teilhaben zu können. In der Vergangenheit war es für einen Brasilianer nicht möglich, seine Arbeit und sein Talent zu zeigen, weil die ganze Softwareentwicklung in den USA oder in Europa stattgefunden hat. Nun aber, mit Open Source, können Brasilianer mit Menschen aus der ganzen Welt gleichwertig zusammenarbeiten. Das ist richtig klasse.

Irgendwie sind die drei südlichen Staaten Brasiliens - im Gegensatz zu vielen anderen Ländern dieser Welt - in Sachen OSS um Jahre voraus. Der Staat "Rio Grande do Sul" trägt das jährliche "Internationale Forum für Freie Software" aus, das Persönlichkeiten aus dem OSS-Bereich aus der ganzen Welt einlädt, um Diskussionen und Präsentationen zu geben. Unternehmen, die OSS-Lösungen anbieten, sind in Software-Projekten für die Regierung bevorzugt und die Regierung selbst ist ein guter Vorreiter in Sachen OSS.

Und wie unterstützt Du die Verbreitung von KDE in Brasilien persönlich?

Ich versuche, so oft es geht, Gespräche über KDE zu führen. Außerdem schreibe ich für lokale Magazine monatlich Artikel über die Entwicklung und die Benutzung von KDE. KDE ist unter brasilianischen Benutzern sehr beliebt - aus sehr seltsamen Gründen ist die Entwicklung für KDE dagegen weniger beliebt. Die Menschen hier bevorzugen es, für das Gnome-Projekt zu entwickeln. Die meisten dieser Gnome-Entwickler tun dies aus philosophischen Gründen. Manchen Menschen glauben immer noch, dass Gnome "freier" ist als KDE - und manche sagen immer noch, dass KDE ein kommerzielles Produkt sei.

Weiterhin ist es nicht selten, dass Leute auf der linux-br-Mailingliste (die bekannteste Linux-bezogene Mailingliste in Brasilien) Ihren Unmut gegen KDE auslassen. Also gehe ich hin und betreibe etwas Öffentlichkeitsarbeit für KDE und antworte auf solche Postings.

Wie denkst Du also über die Zukunft von KDE - sowohl in Brasilien als auch für den Rest der Welt?

Ich kann nicht sehr viel über den Rest der Welt sagen, wenn es jedoch ähnlich ist wie in Brasilien, so denke ich, dass KDE auf dem richtigen Weg ist. Derzeit ist KDE wohl die populärste Desktop-Umgebung für UNIX. Und es wird stets besser und besser. Es hat noch einige Fehler, um die man sich jedoch meist schon kümmert.

Wenn die momentane Schrittfolge der Releases und der Entwicklung so weitergehen, wird die Zukunft von KDE wirklich bemerkenswert sein.

Wie sieht die Hardware-Konfiguration Deines Rechners aus und welche Linux-Distribution verwendest Du für Deine tägliche Arbeit?

Zu Hause habe ich einen 900 MHz Celeron mit 256 MB Arbeitsspeicher und einer 20 GB Festplatte. Im Büro arbeite ich an einem AMD K6 450 MHz mit 128 MB Arbeitsspeicher und zwei Festplatten a 10 GB. Zum Kompilieren benutze ich eine Vier-Prozessor-Maschine mit 8 Gigabyte Arbeitsspeicher und zwei gigantischen SCSI-Festplatten (deren Größe weiß ich gerade nicht). Zum Kompilieren verwenden wir eine Rechnerfarm, die den Kompiliervorgang weniger anstrengend sein läßt.

Hattest Du schon einmal die Gelegenheit, andere KDE-Entwickler "im richtigen Leben" kennenzulernen oder kennst Du andere KDE-Entwickler nur "virtuell"?

Nein, bisher noch nicht. Ich hatte vor ein paar Wochen die Gelegenheit, Ralf Nolden zu treffen, als er nach Brasilien gereist ist. Ich würde eines Tages gerne an einer KDE-Veranstaltung teilnehmen, aber Brasilien ist zu weit außerhalb der Reichweite der großen Veranstaltungen, sodass es für mich vom wirtschaftlichen Standpunkt aus nicht möglich ist, Events wie den Linuxtag zu besuchen.

Wieviel Zeit verbringst Du pro Woche mit der Arbeit am KDE-Projekt?

Normalerweise arbeite ich etwa 25 Stunden pro Woche am KDE-Projekt. In den letzten zwei Monaten hat es sich jedoch auf etwa 10 bis 15 Stunden reduziert, da mein Arbeitspensum gestiegen ist. :-) Conectiva, mein Arbeitgeber, erlaubt mir, meine Arbeitszeit zwischen der Arbeit für das Unternehmen und der Arbeit für das KDE-Projekt aufzuteilen, was wirklich klasse ist. Leider war ich in den letzten zwei Monaten nicht in der Lage, meine Arbeitszeit gleichermaßen auf diese beiden Sachen aufzuteilen. Allerdings normalisiert sich hier wieder alles und ich denke, dass ich in nächster Zukunft wieder mehr Zeit für KDE verbringen kann.

Und was macht Roberto Teixeira in seiner Freizeit, wenn er nicht gerade am Programmieren für das KDE-Projekt ist?

Wahrscheinlich Arbeiten wie ein Tier :-) Ich bin der Leiter der Entwicklungsabteilung bei Conectiva, was mich sehr viel Zeit kostet. Wenn ich nicht im Büro bin, versuche ich möglichst oft Fahrrad zu fahren. Außerdem lerne ich gerne Sprachen. Ich spreche Französisch, Englisch, ein wenig Spanisch und ein bißchen etwas von vielen anderen Sprachen. Zur Zeit lerne ich Tag und Nacht Deutsch. Ich verbringe auch viel Zeit mit einer wundervollen Frau namens Lisiane, aber das ist natürlich eine Zeit, die ich gerne mit ihr verbringe.

Vielen Dank für das Interview :-)

Danke schön.

[ Edit ]

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